Umstrukturierung der Hochschullandschaft – Teil 11

Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft


In dem schon zitierten Amtsblatt der Europäischen Union vom 26. November 2009 wird auch deutlich, dass die Kooperationen von Hochschuleinrichtung mit der Wirtschaft forciert werden sollen. „Bei der Entwicklung engerer Verbindungen zwischen den Hochschulen und denjenigen, für die sie ausbilden und forschen, sollte besonderes Augenmerk auf die Entwicklung von Anreizen für die Mobilität des Personals zwischen Hochschulen und Unternehmen gerichtet werden, darunter auch auf Programme für den Personalaustausch. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen sollte als Bestandteil der Bildungs-, Forschungs- und Innovationsstrategien der Hochschulen ausgebaut werden.“ Weiters wird auch gefordert, dass die Finanzstrukturen der Hochschulen dahingehend reformiert werden, dass „stärker diversifizierte Einnahmen und eine effektivere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ermöglicht [werden] [...].“ Völlig der kapitalistischen Verwertungslogik entsprechend, fordert die Europäische Union, „Wissen hervorzubringen, das zur Entwicklung von innovativen Gütern und Dienstleistungen in die Gesamtwirtschaft übertragen werden kann.“

Auch die Österreichische Wissenschaftsministerin macht keinen Hehl daraus: „Es gibt aber auch die Möglichkeit des Sponsoring, wo wir in Österreich noch nicht viel Kultur haben. [...] Aber ich glaube, dass wir hier eine ganz neue Kultur entwickeln müssen, wie wir hier auch mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass sich private Investition in den Bildungsbereich auszahlt. Dass es neben Kultursponsoring auch ein Bildungssponsoring geben kann, das sich sehr wohl auszahlt und Sinn macht. Und ich hab kein Problem damit, ehrlich gesagt, wenn da irgendein Firmenname am Eingang der Uni hängt, oder im Hörsaal hängt oder auf den Sesseln klebt. Wenn das gesponsert ist von einem Privaten, dann kann man das auch entsprechend ausweisen. Ich glaub das tut niemandem weh.“ (unibrennt.tv 2010: ab 01:30:00)

Im Bildungskonzept des ÖAAB heißt es: „Wir setzen uns ein für: [...] Mehr Kooperationen zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen.“

Als es 1998 in Australien zu massiven Streichungen im Bildungsetat kam, wurde das Sponsoring der Hochschulen durch die Privatwirtschaft stark forciert. Vor allem bei geisteswissenschaftlichen Studien kam es zu einer beträchtlichen Verschlechterung der Situation, da sie zu wenig Einnahmen aus der Wirtschaft lukrieren konnten. Bei „wirtschaftlich verwertbaren“ Studiengängen, wie zum Beispiel im IT-Bereich kam es allerdings zu einer deutlichen Verbesserung der Infrastruktur.

In den USA gab es den Fall, dass ein Sportartikel-Hersteller drei Universitäten das Sponsoring entzog, nachdem die Universitäten diesen wegen seiner arbeitsrechtlichen Praktiken kritisierten.

Während dem Kartellverfahren gegen einen großen, marktbeherrschenden Software-Hersteller lieferten Forschungsinstitute mehrere Gutachten, die dem Software-Hersteller wohl gesinnt waren. Anzumerken ist, dass die Forschungsinstitute vom Software-Hersteller finanziert werden.

Erst kürzlich gab es in Deutschland eine Debatte um die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Die Bundeskanzlerin wollte eine umfangreiche, von der Regierung in Auftrag gegebene Studie abwarten, bevor sie ihre Pläne zur Laufzeitverlängerung konkretisiere. Als das Gutachten vorlag, dessen Ergebnis pro Laufzeitverlängerung ausfiel, wurden die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert. Das Gutachten wurde unter der Federführung des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) der Universität Köln verfasst. Da das EWI mit Millionenbeträgen von zwei Konzernen, die Atomkraftwerke betreiben gefördert wird, wird die Unabhängigkeit und Objektivität des Gutachtens angezweifelt. (Die Zeit Online & Bayrischer Rundfunk Online)

Durch die unzureichende Finanzierung des tertiären Sektors drängt die Politik die Universitäten geradezu dazu, sich nach privaten Finanziers umzusehen. Eine enge Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft aber bringt die Objektivität der Wissenschaft zunehmend unter Druck. Im UG 2002 wird zwar festgehalten dass „die leitenden Grundsätze für die Universitäten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben [..]: 1. Freiheit der Wissenschaften und ihrer Lehre [...] und Freiheit des wissenschaftlichen und des künstlerischen Schaffens [...] [sind].“ (UG 2002 § 2 Absatz 1) Sollten aber die Hochschulen vermehrt von privatwirtschaftlichen Unternehmen finanziert werden, so ist diese Freiheit ernsthaft in Gefahr. Wissenschaft, Forschung und Lehre sind nicht mehr frei, wenn sie von der Gunst ihres Sponsors und Geldgebers abhängig sind. Wenn die Universitäten zu einem Ort verkommen, der von Kapitalinteressen geleitet wird, werden sie ihr kritisches Potenzial hinsichtlich politischer und sozialer Schieflagen nicht länger wahren können.

Im nächsten Teil der Serie, der auch den Abschluss darstellt gibt es ein ausführliches Conclusio zur Umstrukturierung des tertiären Sektors.


Serie: Umstrukturierung der Hochschullandschaft

Teil 1: Einleitung
Teil 2: Universitätsgesetz 2002 und die Straffung der Bürokratie
Teil 3: Autonomie und Leistungsvereinbarungen
Teil 4: Universitätsrat und Entscheidungsqualität
Teil 5: Studiengebühren
Teil 6: Prekarisierung des universitären Personals
Teil 7: Evaluationen und ein kurzes Fazit
Teil 8: Einleitung zur Europäischen Hochschulpolitik
Teil 9: Vereinheitlichung durch das Bachelor/Master-System
Teil 10: Verwertungslogik vs. Universität
Teil 11: Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft
Teil 12: Conclusio zur Umstrukturierung des tertiären Sektors


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