Dies ist der erste Teil einer Miniserie, die aus drei Texten besteht.
Im Juni 2007 war die Welt für Vorstandsvorsitzende von Banken noch in Ordnung. So durfte zum Beispiel Josef Ackermann damals noch erklären, dass die globalen Finanzmärkte momentan so viel stabiler sind, da neue Akteure wie Hedge Fonds und Private Equity Fonds mit innovativen Finanzprodukten in der Lage wären, Risiken optimal zu verteilen.
Tatsächlich standen wir zu diesem Zeitpunkt vor einem Abgrund der größere Ausmaße hatte, als jener der sich Ende der 1920er Jahre auftat. Die katastrophalen Folgen, die die damalige Finanzkrise auf die Weltwirtschaft hatte, zählten mit zu den Gründen, die zum Zweiten Weltkrieg geführt haben. Währenddessen ist man mittlerweile in der Mainstreamökonomie seelenruhig zu der Überzeugung zurückgekehrt, dass ökonomische AkteurInnen die Wahrscheinlichkeiten von zukünftigen Ereignissen mathematisch beschreiben können und somit unter Verwendung des „richtigen“ ökonomischen Modells dazu in der Lage wären rationale Erwartungen auszubilden.
So hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Katastrophe von globalem Ausmaß in den blinden Flecken der Mainstreamökonomie bilden können. Die Subprime-Krise hat mit ihren gewaltigen Nachwirkungen dafür gesorgt, dass der Glaube an stabile, sich selbst regulierende (Finanz-) Märkte nachhaltig zerstört wurde. Von einem Umdenken in den Wirtschaftswissenschaften kann unterdessen nicht wirklich die Rede sein.
Ausgehenden von einer Immobilienkrise in den USA kam es weltweit 2008 zu Turbulenzen auf den Finanzmärkten und Kreditinstitute gerieten in Bedrängnis. Als dann mit dem Bankrott der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und gleich darauf mit der Notverstaatlichung des damals weltweit größten Versicherungsunternehmens AIG im September 2008 der Ernst der Lage auch für die Allgemeinheit ersichtlich wurde, schnürten weltweit Nationalregierungen Bankenrettungspakete und anschließend Konjunkturpakete von astronomischem Ausmaß. Das weltweite Volumen dieser an sich verpönten Praxis des staatlichen Eingriffs in die perfekten Märkte betrug rund 2000 Milliarden USD. Damit wurde nicht nur die Milliarde zur gängigen Recheneinheit in wirtschaftspolitischen Fragen, sondern man griff bei der Bekämpfung einer Finanzkrise, welche sich von den USA ausgehend zuerst global und dann auf die Realwirtschaft ausgebreitet hatte, auf ein wirtschaftspolitisches Mittel zurück, welches laut der gängigen volkswirtschaftlichen Meinung bestenfalls nutzlos ist.
Aber das ist nicht das einzige Problem der Wirtschaftswissenschaften, denn noch viel schwerer wiegt, dass man im Rahmen des gängigen neoklassischen Ansatzes keine Erklärung für die Krise finden kann. Genaugenommen dürfte sie gar nicht existieren, was ja nicht schwer vorstellbar ist, wenn man von einer Welt ausgeht, in der Marktmechanismen langfristig immer für stabile, sich im Gleichgewicht befindende Märkte sorgen und in der ökonomische AkteurInnen (fast) allwissend, aber auf jeden Fall rational agieren. Da kann man sich höchstens des berühmt-berüchtigten „externen Schocks“ – dem deus ex machina der Nationalökonomie – bedienen.
Vor das Problem gestellt, dass Kometen vom Mars die einzige schlüssige Erklärung im Rahmen ihrer Modellannahmen liefern können, griffen MainstreamökonomInnen auf als heterodox geltende wirtschaftswissenschaftliche Theorien zurück. Angesichts von diesen „verheerenden logischen Lücken“ wurde vor allem auf einen Ökonom zurückgegriffen, der genau diese Probleme bereits in den frühen 1980er Jahren aufgezeigt hatte: Hyman Minsky. Die allgemeine Popularität der Theorien Minskys ging weit über die Kreise von linksgerichteteren Ökonomen wie Paul Krugman hinaus. (Dieser hielt an der London School of Economics 2009 eine Vorlesung mit dem Titel „The night they reread Minsky“). Man konnte sogar – und das kann man gar nicht genug hervorheben – in der Financial Times lesen: „What went wrong? The short answer: Minsky was right.”
Was war so besonders an diesem bereits 1996 verstorbenen Ökonom, dass ihm posthum so viel Anerkennung zu Teil wurde? Das Außergewöhnliche liegt, abgesehen davon, dass Hyman Minsky als Postkeynesianer weit außerhalb des ökonomischen Mainstreams liegt und heute Schwierigkeiten hätte, seine Erkenntnisse in großen ökonomischen Journals zu veröffentlichen, in den Schlüssen, die Minsky aus der Betrachtung der modernen kapitalistischen Volkswirtschaften zieht. Für ihn sind die modernen, hochentwickelten Finanzmärkte von sich aus instabil und sorgen daher – auf sich allein gestellt – zwangsläufig für Wirtschaftskrisen. Minsky verneint nicht nur die gängige ökonomische These, dass Märkte inhärent stabil sind, er legt auch dar, dass Finanzmärkte in Phasen längerer Stabilität einen Entwicklungspfad hin zur Instabilität folgen. In kurzform: success breeds success breeds excess what leads to crises.
Minskys Theoriebildung baut dabei auf ganz anderen Vorzeichen auf, als jene des neoklassisch geprägten Mainstreams. Für Minsky ist – der Tradition Keynes` folgend – ein Abschätzen von Risiken und darauf basierend das Treffen von rationalen Entscheidungen unmöglich, bzw. schlicht und einfach nicht die Art und Weise, wie sich Menschen verhalten (können). Der offene Charakter der wirtschaftlichen Entwicklung konfrontiert Menschen mit fundamentaler Unsicherheit, der sie nur begegnen können, indem sie sich an Konventionen halten und bekannten Verhaltensmustern folgen.
So spielen vor allem die Erwartungen der Akteure auf den Finanzmärkten eine zentrale Rolle. Daraus ergibt sich bereits, dass Finanzmärkte kurzfristig volatil sind. Es kann nämlich zu massenpsychologischen Phänomenen kommen: Wenn negative Erwartungen zu Verkäufen von Finanztiteln führen, was eine Anpassung der Preise nach sich zieht, die die negativen Erwartungen zu bestätigen scheinen und diese dann wieder verstärken. Dabei wird sozusagen eine Feedbackschleife in Gang gesetzt, die einerseits die Mechanik für die Entstehung von Blasen liefern kann und andererseits auch jene für die Entstehung der darauffolgenden Krise.
Langfristig aber kann die Orientierung der AkteurInnen an Konventionen und Daumenregeln zu echten Katastrophen führen, da längere Phasen positiver wirtschaftlicher Entwicklung auf den Finanzmärkten dafür sorgen, dass immer mehr Risiko in das System gelassen wird. Nicht nur, dass riskantere Finanzierungsformen und riskantere Projekte von Unternehmen gewählt werden, die angesichts der positiven wirtschaftlichen Entwicklung nicht so riskant erscheinen, auch das gesamte System der Regulierung und der (politischen) Entscheidungsfindung beginnt immer mehr Risiko zu tolerieren, was Volkswirtschaften bereits gegenüber kleinen Veränderungen von zum Beispiel den Zinssätzen extrem anfällig macht.
Auf Anhieb fallen einem dabei sofort einige Beispiele dafür ein, wie die Finanzmärkte strukturell Risiko erzeugt hatten, anstatt es zu mindern bzw. perfekt zu allozieren. Das gesamte Geschäftsmodell der Investmentbanken ist dabei zu nennen, oder – als weitere Beispiele – auch die berühmten NINJA Kredite für Personen „with no income, no job or assets“ oder die immer abenteuerlicheren Konstruktionen von sogenannten Finanzinnovationen, die letztendlich mitverantwortlich dafür waren, dass der Interbankenmarkt zum Erliegen kam. Niemand sah sich mehr dazu in der Lage, zu überblicken, wer denn nun genau wieviel von dem „verteilten Risiko“ trägt.
Die Empirie hat somit Minsky bestätigt und wirft nun die Frage auf, was denn nun falsch läuft im ökonomischen Mainstream, dessentwegen man keine Antworten auf dringende ökonomische Fragestellungen geben kann, ja anscheinend nicht einmal die Frage in den gängigen Konzepten denken kann?
Die Antwort im nächsten Teil.


Guter Artikel, ich freue mich immer über volkswirtschaftliche Debatten in Blogs.
Ich kenne die neoklassische Theorie zu wenig, um zu wissen, ob Krisen gänzlich ausgeschlossen werden. Die Neoklassik hat aber sehr wohl Erklärungen für die jetzige, weil ihre Ideologie nicht zu 100% in die Realität umgemünzt wurde. So wird als Indikator auch gerne der von Carter initiierte “Community Investment Act” genannt, der sich zumindest teilweise für die Hypothekenkrise verantwortlich zeigen dürfte (natürlich mit freundlicher Unterstützung von CDOs).
Mit deiner Kritik am blinden Marktvertrauen der Neoklassiker hast du aber natürlich voll und ganz Recht.
LG,
Andreas
freut mich, wenn vwl auf gegenliebe stößt!
was die kritik an carter angeht, muss ich ehrlich sagen, dass ich diese bis jetzt noch gar nicht gekannt habe. sie passt aber auf den ersten blick sehr gut in ein schema, dass man schon von anderen (meist neoliberalen) krisenerklärungen kennt.
ganz oben steht da natürlich immer ein politiker, um gleich einmal die frage, ob es sich um markt- bzw. staatsversagen handelt, zu klären. aufällig dabei ist auch, dass es dabei immer demokratische präsidenten trifft. könnte man im fall der finanzkrise doch bush jr. viel mehr die schuld geben, da er es doch war der die finanzmarktgetriebene “homeowner`s society” ausgerufen hat…
ich kenne eine ähnliche argumentation nur für die wirtschaftspolitik von bill clinton, pikanterweise der demokratische präsident, der sich (so wie später in europa blair und schröder) einer neoliberalen politik zu gewendet hat. die argumentation läuft dann in etwa so ab, dass es clinton war, welcher gemacht hat, was neoliberale thinktanks empfohlen haben und daher versagt hat, weil er ja wissen hätte müssen, dass es ein blödsinn ist…
zu der unmöglichkeit, in einem neoklassischen modell von krisen zu sprechen, die endogene gründe haben, muss man sagen, dass sich das ganze mit DER kernannahme der neoklassik spießt: dem homo oeconomicus. ohne diesem rational agierenden, perfekt informierten nutzenmaximierer (und das wusste schon edgeworth) scheitern sämtliche neoklassischen modelle “an der unberechenbarkeit des menschen”. daraus ergibt sich aber das große problem, dass ein perfekt informierter, rationaler agent (agentinnen spar ich mir hier mal…) eigentlich gar nicht erst in finanzprodukte investieren dürfte, die später wertlos werden….
aus dieser sackgasse kommt man nicht wirklich heraus…
natürlich muss man festhalten, dass “die neoklassik” natürlich in dieser reinform nicht mehr wirklich existiert. der mainstream bezeichnet sich auch oft als neokeynesianistisch, wieviel keynes da dann aber drinnen steckt darf stark hinterfragt werden…
I must admit, the webmaster has written cool