Afrika und die Schuldfrage

Rund um eine Reportage von mir über das Leben eines ghanaischen Migranten in Spanien, die kürzlich auf derStandard.at veröffentlicht wurde, hat sich unter den LeserInnen eine rege Debatte entwickelt. Die Kommentare zum Artikel reichen von Themen wie dem globalen Fischkonsum bis hin zur Schuldfrage, wer denn für die Armut Afrikas verantwortlich wäre. Einige glauben, Europa hätte den Kontinent in den Ruin getrieben, andere widerum argumentieren, dass die afrikanischen Staatsoberhäupter ganz einfach geldgierig und korrupt seien und manche sprechen den AfrikanerInnen jeglichen Innovationsgeist ab. Mit so einfachen (und teilweise rassistischen) Argumenten lässt sich dieses komplexe Thema aber sicher nicht abhandeln.

Zuerst muss eine wichtige Tatsache festgehalten werden: Afrika ist keine homogene Region. Wir sprechen hier über einen Kontinent, der um ein Dreifaches größer ist als Europa und 53 anerkannte Staaten umfasst. Die Gesamtbevölkerung beläuft sich auf eine Milliarde Menschen und es gibt eine größere Sprachenvielfalt als auf jedem anderen Kontinent dieser Erde, ganz zu schweigen von der kulturellen Diversität – das Königreich Marokko gehört genauso zu Afrika wie die demokratische Republik Kongo. Demnach ist es schlichtweg fahrlässig, hinter der Bezeichnung „Afrika“ ein homogenes Konstrukt zu vermuten.

In unserer Gesellschaft aber haben sich Afrikabilder etabliert, die von unreflektierten Klischees und Vorurteilen nur so strotzen. Es stehen unzählige Negativbilder romantisierenden Vorstellungen gegenüber, welche wohl nur bedingt die Realität widerspiegeln. Ich persönlich kann mit beiden Seiten relativ wenig anfangen. Einerseits lehne ich das ständige Stigmatisieren einer gesamten Personengruppe ab, andererseits habe ich auch Probleme damit, Tatsachen zu verschnörkeln. Mir wurde etwa nahegelegt, eine Aussage des ghanaischen Migranten (“Vielleicht sind wir teilweise auch selbst verantwortlich für diese Situation, weil wir sie akzeptieren”) aus dem Artikel zu nehmen, da diese Bemerkung eine weitere Angriffsfläche freiräumen könnte. Allerdings sah ich keinen Anlass, mir das Recht herauszunehmen, dem jungen Mann seinen Intellekt abzusprechen, ihn durch das textliche Eliminieren der Fähigkeit, seine Situation selbst einschätzen zu können, darüber zu reflektieren und daraus Konsequenzen – welcher Art auch immer – zu ziehen, in eine komplette Opferrolle zu stecken. Wichtig ist mir, zu beschreiben, was ich sehe und höre, um weitere Diskussionen anzuregen.

Generell basieren all die genannten Vorurteile auf unterschiedlichen Entwicklungstheorien, welche die Ursachen für Armut in Entwicklungsländern[1] zu erklären versuchen. In der Wissenschaft stehen sich dabei endogene und exogene Theorieansätze gegenüber, wobei manche als längst überholt gelten. Erstere suchen die Gründe der Ungleichheit in den betroffenen Ländern selbst (in ihrer ungünstigen geografischen Lage oder unzureichenden Modernisierungsbestrebungen), zweitere außerhalb ebendieser (etwa in wirtschaftlichen und sozialen Abhängigkeiten, in der kapitalistischen Weltordnung oder in den Nachwirkungen des Kolonialismus). Wer oder was im Endeffekt aber schuld an der wirtschaftlichen Situation der unterschiedlichen afrikanischer Länder ist, kann meines Erachtens nach nur bedingt durch allgemeine Theorien erklärt werden. Sicherlich spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle und in jedem Land, ja, vielleicht sogar in jeder Region, sind die Gründe andere.

Im Großen und Ganzen scheint die gesamte Diskussion stark von einem eurozentrischen Weltbild dominiert zu sein, welches annimmt, die absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Die wenigsten Theorien wurden in den Entwicklungsländern selbst bzw. von Menschen entwickelt, die ebendort sozialisiert wurden. Dementsprechend fordern viele dieser theoretischen Ansätze eine westlich geprägte Handelsrationalität, ohne zu berücksichtigen, was die Menschen in den jeweiligen Ländern eigentlich wirklich wollen. Übertrieben positive Darstellungen des Afrikaners sind dem entwicklungstechnischen Diskurs dabei vermutlich genausowenig förderlich wie Rassismen und negative Vorurteile.

Lösungsansätze sollten sicherlich in Richtung Zusammenarbeit gehen – jene Art von Zusammenarbeit aber, welche von der Europäischen Union ständig propagiert wird, riecht eher nach Erpressung als nach echter Kooperation und sollte grundlegend überdacht werden. Eine wirkliche Entwicklung kann wahrscheinlich nur dann funktionieren, wenn die Bedürfnisse Betroffener ganzheitlich wahrgenommen, sie als Subjekte akzeptiert und vollständig in den Prozess eingebunden werden – sofern sie denn wollen. Hier gilt es, sich konstruktiv einzubringen, sowohl von afrikanischer, als auch von europäischer Seite.

Abschließend sei gesagt, dass die unzähligen Staaten Afrikas mehr zu bieten haben, als Armut, Konflikte und Safari – eine Entdeckungsreise auf anderen Ebenen ist der Kontinent sicherlich wert.

[1] Dieser Begriff ist ebenso wie Dritte Welt als Sammelbegriff umstritten. Die UN verwenden im Englischen die Bezeichnung Least developed countries, wobei klare Kriterien festgelegt wurden, um zu definieren, welche Länder unter diesen Sammelbegriff fallen. Siehe hierzu die UN-Bestimmungskriterien für Least Developed Countries.

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