2011 ist wirklich ein großes Jahr. Es scheint so, dass Vieles auf der Kippe steht, berechtigter Weise in sich zusammenbricht oder durch unglückliche Umstände einfach versagt. Ich komme nicht umhin, die Hoffnung zu nähren, dass sich vielleicht doch etwas verändern könnte und sich der Lauf der Welt in eine positive Bahn lenken lassen würde.
Was mir an der ganzen Geschichte aber nicht gefällt und was mich ungemein skeptisch macht, ist der Umstand, dass die Sprache und das Konzept der Veränderungswelle keine visionäre Anzeichen hinterlässt oder zumindest durchblitzen lässt. Die Emotion und die Wut ist um einen Tick zu hoch geworden, jedenfalls so hoch, um daraus die Ahnung ableiten zu können, dass wohl etwas Großes bevorsteht, dies aber nicht unbedingt “gut” sein muss.
Ich will keine Veränderung des Wechsels wegen. Die Pendelbewegungen von links zu rechts, jeweils immer ins andere Extrem, öden mich an und tragen in sich selbst immer wieder die Gewissheit, dass daraus letztendlich nicht wirklich etwas grundsätzlich Neues entstehen kann.
Die Umkehr, ein wirklicher Wechsel, wird alle paar tausend Jahre immer wieder beschworen, die Menschheit hätte mannigfaltige Möglichkeiten besessen, sich zu bessern und immer wieder galt: “Knapp daneben ist auch vorbei”. Es wundert mich sehr, dass die Menschen sich liebend gerne mit so wenig Qualität zufrieden geben, nur um weniger tun zu müssen oder um den Geist hängen lassen zu können. Angst und Faulheit sind die größten Feinde der Menschheit und sie werden uns auch diesmal wieder daran hindern, etwas Grundlegendes zu verändern.
Konzepte einer Umkehr finden sich zumeist in Gründungsmythen der großen Religionen dieser Welt und sie haben immer eine Parallele: Die Veränderung kommt von unten nach oben, sie geht vom Individuum in die Masse über – oder so ist zumindest immer das ursprüngliche Konzept gewesen.
Der Kurs der Gegenwart läuft aber wieder auf ein überhastetes Wechselregime hinaus, das die notwendigen Veränderungen von oben nach unten diktieren wird. Das Furchtbare an dieser Vision, an dieser Anbahnung, ist es für mich zu sehen, dass die Menschen sich konsequent selber darauf vorbereiten, dieses Regime mit offenen Armen zu empfangen.
Es kann sein, dass die Natur einfach vollendete Tatsachen schafft. Es kann sein, dass uns die mediale Umgebung in eine Stimmung der Notwendigkeit hievt. Es wird so sein, dass die Menschen schreien werden, dass alles sofort, unbedingt und ohne Kompromiss zu geschehen haben wird. Es wird – und das ist der Gipfel der dunklen Ahnung – eine Tyrannei des “Guten” sein, das uns an den nächsten gesellschaftspolitischen Abgrund führen wird. Man wird uns glaubhaft erklären, dass wir für die tragischen Umstände unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht werden können und damit wird es ein leichtes sein, Kopf, Herz und Hand der Massen abzuschalten und folgen zu lassen.
Bürgerrechte, persönliche Freiheiten und individuelle Entscheidungen werden uns genommen werden und wir werden dies akzeptieren, weil wir die Notwendigkeit dazu erkennen werden. “Wir müssen hier durch!” wird es heißen und damit wird alles in Kauf genommen werden.
Das ist eine düstere Aussicht, aber sie wird mir durch die Zeichen der Zeit leider mehr als bekräftigt. Die Masse sucht nach Größe, sie kann eine selbstbestimmte Irrelevanz nicht akzeptieren und übersieht dadurch, dass sie ihre wesentliche Macht der Veränderung unbemerkt ‘outsourced’ und all jenen in die Hand gibt, die keine hehren Ziele besitzen. Vielleicht haben diese Menschen sogar eventuell ursprünglich welche besessen. Letztendlich werden sie aber von der Dynamik überrannt, die Macht und Masse auf einen einzelnen Menschen ausübt. Automatisch.
Letztendlich glaube ich nicht, dass es ein gutes Ende geben wird, weil ich sehe in der Menschheit keinen Willen zur wesentlichen Änderung, aber einen großen Willen zur Macht in einzelnen Parteien, Köpfen und Bewegungen.
Wir werden unsere Menschlichkeit verlieren, weil wir einen Spiegel vorgesetzt bekommen und unser ‘Mensch sein’ nicht sehen werden wollen.
Dies ist mein Blick auf die Gegenwart und mein fatalistischer Blick in die Zukunft und ich bin sehr froh darüber, dass ich vom Radio-Kunst-Netzwerk radia.fm eingeladen worden bin, eine halbstündige Radiosendung zu gestalten. So habe ich die Chance genutzt, dieses für mich so große Thema in einem kleinen Kunstwerk zu verarbeiten.
nitropic nennt sich diese Radioshow, die die Suche nach dem Großen, das die Menschheit so antreibt, auf das Korn nehmen möchte und mit den Endzeiterwartungen unserer Gegenwart spielerisch umzugehen versucht. In einer 30 Minuten langen Sound-Montage werden Intros von bedeutenden, “großen” Longplayern aneinandergefügt und es wird im Feld die Untersuchung unternommen, ob die emotionale Zuspitzung von zuviel “Intro-Konsum” die Hörerinnen und Hörer der Sendung zu “großen” Taten antreibt. Angekündigt als ein großflächig koordiniertes und ein synchronisiertes Selbstmord-Attentat der Hörerinnen und Hörer soll jede und jeder dazu angeregt werden, über seine Lust auf Wechsel nachzudenken.
Das Radio ist das große Symbol für politische Mobilisierung, es war der Sync-Button der Massen im frühen 20. Jhdt. und der Niedergang des alten Sender-Empfänger-Prinzips gilt als paradigmatischer Wechsel in der Möglichkeit, politische Massenbewegungen zu generieren. Das Projekt nitropic versucht, die politische Aura dieses Mediums in Erinnerung zu rufen und sie auf die gegenwärtigen Medien wirken zu lassen.
Man kann die Sendung für sich hören, und als 30 Minuten lange Chance auf Reflexion begreifen, in Wien gibt es auch die Möglichkeit, die Sendung im Rahmen einer Performance gemeinsam zu erleben. Für welchen Weg man sich auch entscheidet, entscheidend sind folgende Fragen, für die man für sich selber die Antworten finden sollte:
Wieviel bin ich bereit für eine Veränderung zu geben? Ist das Opfer meines Lebens für eine bessere Zukunft es wirklich wert? Warum will ich überhaupt, dass sich etwas ändert? Glaube ich an die Macht menschlicher Massen? Worin liegt der Haken der großen Ideen?
Eine wirkliche Veränderung braucht keine Tat. Sie braucht vielmehr eine Entscheidung.



lieber schmecks,
hab mir deinen beitrag sehr genau durchgelesen. was mir dabei fehlt, ist ein vorschlag, wie es anders gehen könnte.
nur anzuprangern bringt uns doch auch nicht weiter oder? alles was wir haben schlecht zu machen ohne gegenvorschlag kann nicht das ziel sein!
der titel deines posts sagt bereits, was viele (die denken …) meinen, doch wie gesagt … WER KENNT DIE LÖSUNG?
bei der beantwortung dieser frage wirds meistens sehr ruhig! (zumindest im realen leben)
schönen abend!
Ich hab’s mit Freude gelesen und doch kaum verstanden. Geht’s um Furcht vor der kleinen Dystopie (z.B. Strache-Regierung) oder Angst vor der großen Apokalypse (alles, aber auch alles geht den Bach hinunter)? Und warum überhaupt so pessimistisch? Ich halte es hier frei nach Kant: Der Mensch wird kaum moralischer, aber wir haben Gesellschaften geschaffen, die ihn zumindest weitgehend moralisch disziplinieren. Und freilich: Gesellschaftssysteme gehen zugrunde. Oft mit einem Krach. Und dann schlägt das Pendel aus und wir sind erstaunt, wie bestialisch wir trotz unseres Mantels der Ziviliisation noch immer sind, aber – und jetzt wieder Kant – wir haben Ideen und Konzepte gefunden und erschaffen, “die sich nicht mehr vergessen” (Menschenrechte,…), an die sich die Menschheit, auch wenn sie im Staube liegt, wieder und wieder erinnern wird – und zwar mit einer Sehnsucht, die praktisches Handeln heraufbeschwört.
Rückfrage zur Ideengeschichte: Welche Gründungsmythen der großen Religionen erzählen von Umkehr? Und inwieweit sind das bottom-up-approaches? Ich kann mir da grad gar nichts drunter vorstellen.
Lieber @träumer und lieber @Dyrnberg. Ich antworte später eingehend, wenn ich Freizeit habe, nur jetzt mal schnell ein Missverständnis ausräumen. Ich bin nicht “_schmecks_” – das ist nur ein passendes Eingangszitat aus der Twittersphere.
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Zunächst einmal dankeschön für die aufmerksame Lektüre. Dass ich hier noch Ergänzungen verschriftlichen muss, beweist ja leider, dass ich dies im Text an sich nicht schon ausreichend transparent gemacht habe. Das liegt wohl an der “Ausbruchssituation” des Blog-Beitrag-Schreibens, ist letztendlich aber doch wohl nur eine Ausrede für Ungeduld und etwas Faulheit im Ausformulieren.
Um mein Gedankengebäude besser skizzieren zu können, möchte ich kurz noch ausholen. Im Prinzip ist mein Text eine Kritik am 20. Jhdt. und ein Ausdruck meiner Frustration darüber, dass es für das 21. Jhdt. noch keine adäquate Vision gibt. Wo wollen wir hin?
Für Faschismus und Kommunismus war es ganz klar: Es braucht einen neuen Menschen (siehe Dradio Podcast http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1302817/, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1307670/ und http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1312198/ ). Dieser neue Mensch muss von oben nach unten geformt werden und bildet die Grundlage für eine “gute” und/oder “gesunde” Gesellschaft. Der zweite große Pol der 20. Jhdts., ein eben von Kant inspirierter, demokratisch-kapitalistischer Teil der Welt, ging davon aus, dass die Menschen nicht zu bessern sein, sie nur durch die sie umgebenden Umstände “gut” und “richtig” agieren könnten. (Eben z.B. die Idee, der Markt würde am Besten funktionieren, wenn nur alle Egoismen frei genau schalten und walten könnten – ein folgenschweres Missverständnis, weil Adam Smith nur zur Hälfte gelesen worden ist: http://schoenswetter.posterous.com/027/ ).
Ich komme jetzt daher und sage, beide Wege sind blödsinn. Es ist Irrsinn zu denken, die Welt würde besser werden, wenn es nur eine Elite gäbe, die der dummen Masse die richtige Richtung angeben würde (Marxismus und Faschismus). Genauso ist es falsch, von einer “Natürlichkeit” der Dinge auszugehen, in der alles gut werde, wenn man es nur ungestört vor sich her agieren lassen würde (Kapitalismus, Staatskritiker).
Derzeit sehe ich einen großen und recht unversöhnlichen Drang in bei “alten” Denkrichtungen und daher bin ich so ungemein kulturpessimistisch.
Es ist dann nicht ganz richtig, dass ich keine Lösung anbiete. Die Lösung liegt in den Individuen (so meine These) und daher biete ich im Rahmen des Radiokunstprojektes Reflexionsmöglichkeit und Auszeit, über die eigene Rolle in dieser Frage gründlich nachzudenken, weil … hier kommen wir zu den “unverständlichen” Gründungsmythen – Ideen über eine bessere Welt gäbe es zuhauf und diese haben alle ein Grundprinzip gemein: Richte nicht den Finger auf die anderen, sondern ändere die Welt, indem du dich selber änderst.
Radikal war hier Siddharta (später Buddha) seine Welt würde nur aus Mönchen bestehen und dies wäre wohl die radikalste Möglichkeit, diese Welt grundlegen zu verändern. Der Dekalog von Moses ist auch ein gutes Beispiel, die Bergpredigt von Jesus gäbe ebenso einiges her, Konfuzius könnte immer noch einige SchülerInnen vertragen, Mohammed, Zaratustra, Meister Eckhart, Dyonisos, es gäbe so viele, dass ich nicht weiß, wo zu beginnen und wo zu enden sei. Immer geht es den Mahnern der Gesellschaft darum, sich im Aktionismus “Weltverbesserung” nicht auf das Wesen der “Feinde” zu konzentrieren, sondern als leuchtendes Beispiel voranzugehen. Hier sehe ich den springenden Punkt. Ich sehe zuwenig Demut, Friedfertigkeit, Toleranz und Leuchtkraft und zuviel Wut, Ärger, Rachegefühle und vermeintliche moralische Überlegenheit.
Vielen Dank für die ausführliche Antwort, die mir den Kontext und den Impetus des Blogbeitrags erst richtig verständlich gemacht haben. Inhaltlich denke ich noch drüber nach. Der Wendung von der Negation der großen Weltdeutungssysteme des letzten Jahrhunderts hin (und zurück) zur einzelnen Existenz, wie sie in manchen Religionen beton t wird, hat jedenfalls einen überraschenden Drive.
@Dyrnberg: Freut mich, bin gespannt auf das Ergebnis des ‘Innehaltens’. Wenn Du Dich für das Thema interessierst, kann ich das Studium von Leopold Kohr ganz dringend und empfehlend ans Herz legen: http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Kohr
Other countries censor content and not just rogue regimes such as the Iranian mullocracy. Poor people! http://www.baidu.com