“Ende des Gehorsams” fordert Journalistin Anneliese Rohrer, 67, in ihrem gleichnamigen Buch und appelliert an ihre LeserInnen, mehr für ihre demokratischen Rechte aufzustehen. Ende August begleitete ich Dieter Zirnig von neuwal.com zum Interview mit der Autorin. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen neben ihrem aktuellen Buch vor allem die (fehlende?) Bereitschaft junger Menschen, politisch und gesellschaftskritisch aktiv zu sein.
“Österreichs unter 30-Jährige leben wie in einer Blase”, so Rohrer Anfang Juli in der Presse, “nicht einmal der studentische Aufschrei ‘Uni brennt’ des Jahres 2009″ hätte etwas gebracht. Zugegeben, Rohrer hat mit dieser Aussage im Großen und Ganzen recht, “Uni brennt” ist – zumindest wenn man einen Blick auf die derzeitige Lage an Österreichs Universitäten wirft – gescheitert. Statt zu den geforderten Verbesserungen scheint die Situation an den Hochschulen noch schlimmer geworden zu sein.
Allerdings ist es meiner Meinung nach gerade wegen Aktionen wie “Uni brennt” falsch, zu behaupten, junge Menschen in Österreich seien zu brav und würden sich nicht für ihre Rechte als BürgerInnen in einer Demokratie beziehungsweise Besserungen ihrer Situationen einsetzen. Interessant hierbei ist, dass Rohrer in “Ende des Gehorsams” mit keinem Wort “Uni brennt” erwähnt.
“Uni brennt” – ein ungünstiger Zeitpunkt?
Dennoch, oder gerade deswegen, sprachen wir mit Rohrer über das Wirken und Nicht-Wirken von “Uni brennt”, die derzeitige Situation an Österreichs Hochschulen sowie die (mögliche) Zukunft der Universitäten und auch darüber, was junge Menschen tun sollten, um diese Situation zu ändern. “Uni brennt” sei, so Rohrer im Gespräch mit Dieter Zirnig und mir, eine sehr lobenswerte Aktion gewesen, aber eben gescheitert. Es sei auch klar gewesen, von Anfang an, dass dies der Fall sein würde: denn Weihnachten stand vor der Tür, die Studierenden würden nachhause gehen und die Politik das Thema so lange totschweigen, bis es von alleine ausläuft.
Das ist bei „Uni brennt“ bestimmt der Fall gewesen – allerdings sehe ich persönlich den Zeitpunkt des Beginns der “Uni brennt”-Bewegung nicht als ungünstig per se. Zum einen, weil “Uni brennt” nicht geplant wurde, sondern aus den herrschenden Problematiken an den Hochschulen entstanden ist und wohl keineR zu Beginn dachte, dass diese Protestaktion so viel Zuspruch und vor allem Unterstützung erlangen würde.
Zweitens widerspricht sich Rohrer in ihrer Aussage bezüglich des falschen Zeitpunkts von “Uni brennt” selbst; so meinte die Journalistin, dass wegen der anstehenden Weihnachtsferien (für Studierende und PolitikerInnen) dieser ungünstig gewesen sei. Bis dahin waren es allerdings zwei Monate – und in diesen Monaten hat es seitens der Politik keine wirklichen Reaktionen auf den größten Studierendenprotest in Österreich seit Jahrzehnten gegeben. Wobei wir beim zweiten Punkt Rohrers wären, dem Totlaufen lassen von unangenehmen Themen seitens der Politik. Nehmen wir an, “Uni brennt” hätte erst Anfang 2010 begonnen, das Audimax der Universität Wien sowie weitere Hörsäle an Österreichs Universitäten wären erst nach den Weihnachtsferien besetzt worden. Das Thema wäre auch drei Monate nach der eigentlichen Besetzung unangenehm für die Politik gewesen und gewiss auch Anfang 2010 totgeschwiegen geworden, genauso, wenn die Proteste erst im Frühjahr begonnen hätten und erst recht, wenn sie erst im Sommer gestartet wären. Denn: die Sommerferien standen hier vor der Tür – und das heißt nicht nur, dass die Studierenden drei Monate keine Lehrveranstaltungen hätten, sondern auch, dass sich die heimische Politik für längere Zeit aus dem Parlament verabschiedet.
Der Zeitpunkt für “Uni brennt” war meiner Meinung richtig gewählt – wenn man nun hier überhaupt von “wählen” sprechen kann. Denn die Politik-Riege hätte auch an einem anderen Zeitpunkt wahrscheinlich nicht anders reagiert beziehungsweise nicht anders nicht reagiert.
Katastrophale Situation – damals wie heute
“Uni brennt” passierte 2009 – knapp zwei Jahre später ist die Situation um keinen Deut besser, ganz im Gegenteil, die Problematiken an Österreichs Universitäten haben sich zudem verschärft. Die geforderten finanziellen Mittel seitens der Studierenden und auch der designierten Rektoren blieben aus, Lehrveranstaltungen sind nach wie vor überfüllt, das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden katastrophal und es wird sogar in Erwägung gezogen, einzelne Studiengänge zu schließen, sollte das Budget für das Hochschulwesen nicht erhöht werden. Das Voranmeldesystem der Universität Wien ist – wie schon von vielen Seiten bei Beschluss im Jänner 2011 befürchtet beziehungsweise erwartet – gescheitert, statt einer Verbesserung wurde sehr viel Geld für nichts und wieder nichts hinausgepulvert.
Die Liste an Problematiken an Österreichs Universitäten lässt sich noch weiter verlängern – Fakt ist, dass die Situation an den heimischen Hochschulen äußerst bedenklich ist. Diejenigen, die dies wohl am meisten zu spüren bekommen, sind die Studierenden. Gründe sind demnach genug da, dass es im Herbst wieder heiß werden kann oder gar “Uni brennt” neu aufflammen wird.
“Uni brennt” reloaded?
Ein “Ende des Gehorsams” an Österreichs Hochschulen wäre äußerst wünschenswert, so Rohrer, sie hoffe sehr darauf, dass es zu erneuten Protesten kommt, sie halte es für ein “Verbrechen an der Jugend”, was im Hochschulsektor passiert. Dass man aus dem gescheiterten “Uni brennt” lernen sollte und die Proteste anders angehen sollte, damit es zu Erfolgen kommen kann, ist für Rohrer ein Muss. So ist es für die Journalistin wichtig, dass alles organisierter und zielgerichtet ablaufen müsste – egal ob es zu erneuten Besetzungen, Demonstrationen oder anderen Aktionen kommen sollte. Von der basisdemokratischen Organisation der “Uni brennt”-Bewegung im Jahr 2009 halte sie nichts, da müsse man ja Jahre warten, bis endlich etwas passiert – die Studierenden müssten hier erwachsen werden, eine funktionierende Basisdemokratie sei eine Illusion für die 67-Jährige.
Zugegeben, die basisdemokratische Organisation bei “Uni brennt” hat ihre Problematiken mit sich gezogen: kleinere Diskussionspunkte wurden ewig in die Länge gezogen, jedeR konnte seine/ihre Anliegen einbringen, die schließlich gerne mit dem eigentlichen Thema gar nichts mehr zu tun hatten und die Abstimmungen im Plenum konnten zum nervenaufreibenden Erlebnis werden, weil aus einer Mücke gerne ein Elefant gemacht wurde. Basisdemokratie braucht vor allem eins: Zeit; jene Zeit, die vielleicht anders oder besser genützt werden könnte.
Dennoch hat eine Basisdemokratie einen wesentlichen Vorteil gegenüber andere Organisationsformen, an denen nur eineR oder einige wenige Menschen an der Spitze stehen: als “Kollektiv” war jedeR für alles verantwortlich und jedeR für nichts verantwortlich. So konnte im Fall von “Uni brennt” keine einzelne Person zur Verantwortung gezogen werden, setzte sich nicht der Gefahr rechtlicher Probleme o. ä. aus. Ein Protest mit klar definierten OrganisatorInnen mag vielleicht tatsächlich strukturierter sein, allerdings setzen sich diese Personen leichter Gefahren aus und auch die Möglichkeit eines Machtmissbrauchs ist größer. Außerdem stellt sich die Frage, wer sich an die Spitze stellen möchte – denn nicht nur rechtlich gesehen begeben sich jene Personen möglicherweise in Gefahr; auch ihre eigene Zukunft, Karriere und Reputation kann dadurch gefährdet sein.
Rohrers Traum
Jene Angst, sich selbst einen Karriereknick zu verpassen, sieht Anneliese Rohrer als eine der größten Hürden, warum (junge) Menschen zu wenig aufmucken und stattdessen eher runterschlucken. Allerdings liege diese Einstellung, sich selbst schaden zu können, nicht (nur) an der Generation unter 30, sondern sei vor allem auch eine Erziehungsfrage. Denn: Wer wird beispielsweise in der Schule schon dafür gelobt, dass er/sie sich auflehnt? Und auch von Seiten der Eltern wird gerne wiedergegeben, man solle sich ja nicht zu weit hinauslehnen, denn das könne einem irgendwann mal schaden.
Doch wie soll nun dieser Angst entgegengewirkt werden? Wie soll man der Masse klar machen, dass sie für ihre Rechte, eine bessere Bildung, eine bessere Zukunft kämpfen sollen? Auf keinen Fall, so Rohrer in “Ende des Gehorsams”, dürfen junge Menschen “darauf warten, bis ihre Zukunftsangst stärker ist als ihre Angst vor den Nachteilen ihres Aufbegehrens.” Denn, “wenn ich mich als Student schon vor lauter Angst verbiege und denke, das könnte mir irgendwo schaden, dann werde ich auch als Erwachsener nicht besonders aufrecht durch die Gesellschaft gehen.” Es sei also höchste Zeit, aufzumucken. Höchste Zeit, aufzuhören, zu gehorchen. Höchste Zeit, sich zu wehren. Und wie? “Mein Traum”, so Rohrer, “wäre ja irgendein ‘Uni brennt’ unter Elternbeteiligung.”


ich seh da gleich mehrere schwere denkfehler.
1. unibrennt war enorm erfolgreich, weil es alles erreicht hat, was es erreichen konnte. agendasetting, druck, massenmobilisierung. was man nicht machen konnte, ist politische entscheidungen fällen. dass das nicht passiert ist, liegt am parlament und der regierung, es war nicht die schuld der proteste, sondern die vom sturen verhalten von pröll, hahn, karl und der schwäche der spö. die proteste können auch nichts dafür, dass die hochschulen selbst sich nicht dafür entscheiden konnten, sich ihren studierenden kompromisslos zur seite zu stellen. wenn wir über die zustände vor unibrennt nachdenken: da hat in ganz österreich kein mensch über die hochschulen gesprochen. man sehe sich nur mal an, wie lange es sogar im herbst 2009 dauerte, bis die medien das mal gecheckt haben, was da los ist. die unis waren 5 tage besetzt als der orf das erste mal vorbei schaute. der falter hat nach den ersten tagen noch beschlossen, dass das alles nicht aufs cover muss. nach den protesten waren hochschulen und bildung permanentes thema.
2. rohrers vorwurf an die studenten, sie wären dann nach 2 monaten heimgegangen, ist geradezu absurd. in dieser zeit hat die regierung den zuständigen minister nach brüssel geschickt und so über wochen nichtmal einen ansprechpartner geboten. es war deshalb nicht nur für die politik absehbar, dass die studierenden dann irgendwann heimgehen, sondern auch für die protestbeweung erkennbar, dass die politik da einfach nichts mehr tun wird – und wenn man noch 10 monate auf der straße bleibt. was sollen die leute tun? ihr leben aufgeben? die 1,5 monate in denen unibrennt wirklich aktiv war, waren enorm energieaufwändig. irgendwann ist das vorbei. es ist hinterher noch öfter aufgeflammt.
3. ich weiß nicht, ob frau rohrer jemals im audimax war. aber die basisdemokratie war für unibrennt unabdingbar. sie nicht zu haben, hätte zum abwürgen der proteste geführt, weil sich die leute nichts sagen lassen wollten, sondern endlich mal etwas sagen. deshalb war auch nach wochen das audimax bei den ermüdenden aber hochspannenden audimax-plenumssitzungen bis zum letzten platz gefüllt und nicht nur bei den parties danach. mit der zeit haben sich ohnehin verantwortungsstrukturen gebildet und mit dieser zeit war der protest dann auch vorbei. man hätte natürlich viele prozesse von beginn weg optimieren können, aber im audimax waren eben nicht so viele berufsdemonstranten, wie die boulevardlinger das behauptet haben.
4. für vertreter und organisationskommittes braucht es eine homogenität, die nicht gegeben war, denn die autorität solcher leute muss von allen akzeptiert werden. unibrennt war aber ein kollektiver wutausbruch von einer ganzen menge sehr unterschiedlicher menschen und keine kampagne einer NGO. wenn man kurz drüber nachdenkt wird man auch bemerken, dass unibrennt viel besser funktioniert und mobilisiert hat, als jeder protestaufruf der ÖH in den jahren davor, die ja diesen führungs- und kampagnenmodus kennt und der trotz ähnlicher umstände schlicht nichts gebracht hat.
5. die größten auswirkungen von unibrennt sind die netzwerke, die damals entstanden sind. allein wenn ich mir anschaue, wie viele jungjournalistInnen heute in einflussreichen redaktionen sitzen, die diese erfahrung gemacht haben, dann wird sich dadurch langfristig etwas in diesem land ändern.
Etwas der Großteil der #Unibrennt AktivistInnen als take-home ins Notitzheft geschrieben haben, war (den Folgebewegungen nach zu urteilen): #unibrennt war nett und nicht unerfolgreich. Nicht #unibrennt ist gescheitert, sondern das System Demokratie-Illusion.
- Zeitpunkt
Wie die von @smi zeigt, hätte eine längere Dauer medial & folgedessen repressiv wenig gebracht. Das Motivationstief ist nicht zu leugnen, aber darauf zu spekulieren, dass alles ander gewesen wäre, halte ich für wenig fundiert.
- Ungehorsam
Ja bitte! Einfach, weil es sich gehört! Ungehorsam muss in den Unis salonfähig werden, bis die Zustände an den Unis bildungswürdig sind. Diese gerechtfertigte Art der Kritikäußerung darf aber nicht Optimismus mit Realität verwechseln.
An der Theorie, dass Mut zur Kritik Erziehungsfrage ist, zweifle ich in diesbzgl gemäßigten Zonen auch.
@ tom schaffer
ich unterschreibe was du schrubst.
Etwas der Großteil der #Unibrennt AktivistInnen als take-home ins Notitzheft geschrieben haben, war (den Folgebewegungen nach zu urteilen): #unibrennt war nett und nicht unerfolgreich. Nicht #unibrennt ist gescheitert, sondern das System Demokratie-Illusion.
- Zeitpunkt
Wie die Analyse von @smi zeigt, hätte eine längere Dauer medial & folgedessen repressiv wenig gebracht. Das Motivationstief ist nicht zu leugnen, aber darauf zu spekulieren, dass alles ander gewesen wäre, halte ich für wenig fundiert.
- Ungehorsam
Ja bitte! Einfach, weil es sich gehört! Ungehorsam muss in den Unis salonfähig werden, bis die Zustände an den Unis bildungswürdig sind. Diese gerechtfertigte Art der Kritikäußerung darf aber nicht Optimismus mit Realität verwechseln.
An der Theorie, dass Mut zur Kritik Erziehungsfrage ist, zweifle ich in diesbzgl gemäßigten Zonen auch.
@ tom schaffer
ich unterschreibe was du schrubst.
@Tom Schaffer: #unibrennt ist bestimmt nicht per se gescheitert, das ist klar. Da kann ich Punkt 1 was Agendasetting, Druck, Mobilisierung, etc. betrifft unterschreiben. Was allerdings die Umsetzung der Forderungen (Ausfinanzierung (!!), Demokratisierung der Unis, selbstbestimmtes Studieren, Reform Bolognasystem;) betrifft, kann man nicht gerade von Erfolgen sprechen. Vielleicht hab ich mich da falsch ausgedrückt. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass zu diesem “Scheitern” vor allem die Inaktivität seitens der Politik beigetragen hat.
Dass aktives Mitwirken bei #unibrennt u.ä. enorm energieaufwändig ist, da stimme ich dir ebenfalls vollkommen zu. Und da widerspricht sich Rohrer mMn nochmal selbst: Einerseits spricht sie davon, dass junge Menschen aufstehen sollen, protestieren sollen, sich auflehnen sollen und das so lange, bis man etwas erreicht – und das dauert, wie man bei #unibrennt sehen konnte, weitaus länger als zwei Monate. Und das beansprucht Zeit, die die meisten Studierenden einfach nicht haben. Nicht, weil es um ihre Freizeit geht (natürlich gehört das auch dazu), sondern weil man immerhin auch studieren und wie es bei sehr, sehr vielen Studierenden ist, auch arbeiten sollte. Andererseits meint Rohrer, junge Menschen müssen sich mehr fordern, mehr in ihre Bildung, etc. investieren. Auch in der Freizeit, über die Grenzen hinaus. Leistungen bringen. Nur: wann? Wollte (bzw. hab schon) dazu eigentlich auch noch schreiben, aber das hätte den Rahmen des eh schon eher längeren Posts wohl gesprengt…
ad “wenn man kurz drüber nachdenkt wird man auch bemerken, dass unibrennt viel besser funktioniert und mobilisiert hat, als jeder protestaufruf der ÖH in den jahren davor, die ja diesen führungs- und kampagnenmodus kennt und der trotz ähnlicher umstände schlicht nichts gebracht hat.” – wahre Worte, kann ich nur unterschreiben.
Danke für die Erkenntnisse Herr Schaffer
So sehr ich es auch bedaure, kann ich ihre Ansichten so nicht unterschreiben.
Ich selbst vermochte es nicht im vorliegenden Artikel auf Denkfehler zu stoßen, werde im Folgenden aber versuchen auf Ihre Argumente einzugehen.
Zu Punkt 1: “unibrennt war enorm erfolgreich, weil es alles erreicht hat, was es erreichen konnte” Was die Bewegung erreichen hätte können, hängt von den Umständen ab, nicht wenige davon sind zufällig. Was Sie eigentlich sagen ist, dass die Bewegung erreicht hat, was sie erreicht hat und daraus leiten Sie Erfolg her. Das ist gewiss praktisch. Andererseits würde das auf so ziemlich jede Bewegung zutreffen.
Zwangsläufig erlaubt Ihnen diese Aussage die Ansichten von Frau Rohrer zu ignorieren, die sich, wie die Verfasserin des Artikels richtig bemerkte, auf die schlichtweg nicht vorhandenen nichtsdestoweniger erhofften Erfolge der Bewegung bezieht. Diesen Trugschluss untermauern Sie, indem Sie einen Denkfehler behaupten. Well played, Sir.
Zu Punkt 2: Hier muss ich nun zugeben, das Transkript des Interviews nicht gelesen zu haben, möchte aber zu bedenken geben, dass Sie hier bloß wiederholen, was, dem vorliegenden Artikel nach zu schließen, Inhalt des Selben gewesen sei. Mag es nun daran liegen, dass ich maßlos uninformiert bin, oder das ich es nicht vermag ihrem Argument zu folgen, frage ich mich dennoch inwiefern der, so nennen es bloß Sie, “Vorwurf”, die Studenten und Studentinnen wären nach Hause gegangen, absurd ist. War es nicht so?
Es mag sein, dass der Verweiß auf die bevorstehenden Weihnachtsferien überspitzt formuliert ist. Dennoch ist Frau Rohrer hier durchaus mit ihrer Ansicht, dass die Angst vor Konsequenzen, welcher Art auch immer, deutliche Zeichen für den Wunsches auf Veränderungen blockiert, kongruent.
Zu Punkt 3: Brilliant, nachdem Sie gerade noch das Ende der Bewegung auf den nicht unmaßgeblichen Zeit- und Energieaufwand zurückgeführt haben, ist jetzt die Herausbildung von “Verantwortungsstrukturen ” der Grund. Es freut mich natürlich, dass so viele Menschen basisdemokratische Strukturen begrüßen, möchte aber zu bedenken geben, dass es durchaus möglich wäre, dass, ein bloßer Ausdruck meiner unmaßgeblicher Meinung, manche auch wegen des Kernthemas der Protestbewegung anwesend waren.
Zu Punkt 4: Ich fasse zusammen: Die Protestbewegung war nicht imstande organisiert vorzugehen und trotzdem besser als die ÖH. Großartig
Ich erspare mir den Kommentar zur angeführten Verallgemeinerung.
Zu Punkt 5: um Sie kurz zu zitieren: “die größten auswirkungen von unibrennt sind die netzwerke, die damals entstanden sind.”
Selbstverständlich sind die Erfolge der damaligen Aktivisten und Aktivistinnen erfreulich, aber diese Erfolge von Leistung auf Netzwerke, in einem verzweifelten Versuch eine negative Aussage über unibrennt zu widerlegen, zu verlagern, ist keine besonders charmante Vorgehensweise.
Ob sich dadurch etwas ändern wird? Ich hoffe es auch.
Frau Altenhofer: Schöner Artikel. Ich räume ein die etwas zynische Bemerkung über den Vorteil der Basisdemokratie, der in der mangelnden rechtlichen Zurechenbarkeit liegt, ausgesprochen amüsant gefunden zu haben.
Durch Europa schwappt die Welle der “Empört Euch” Bewegung. Das ist eventuell gut, mit Sicherheit nachvollziehbar. Jedoch bleibt es oftmals etwas formal in den Imperativen. Ich soll mich auflehnen gegen Missstände? Ja eh, damit ist aber ungefähr so viel gewonnen, wie wenn ich in der Ethik schreibe “Sei ein guter Mensch”. Das zum Einen.
Zum Anderen verstehe ich nicht, warum Frau Rohrer ihre Version des Appells mit der Generationenfrage verquickt. Diese Sache haben wir bereits damals auf ZurPolitik.com diskutiert. Mein damaliger Kommentar war etwas zu hart formuliert, inhaltlich sehe ich es aber immer noch so: http://bit.ly/nEicEl (Hätt gern auf den Kommentar direkt verlinkt, wollt mir nicht gelingen)
@ Sebastian Furtmüller
ad 1)
das ist Auslegungssache, wie viel Macht man dem System zumutet & wo man realistische Veränderungspotenziale ortet. Wäre die #unibrennt Bewegung medial untergegangen & würde keiner den Begriff mit den Protesten assoziieren, wäre die Bewegung nicht als erfolgreich darstellbar gewesen.
Die Voranmeldung ist doch das beste Beispiel, dass die Bestimmenden weder Ahnung noch Interesse haben, den Hochschulbetrieb sinnvoll zu gestalten. Lies die die Beschlüsse diesbezüglich durch.
ad 2)
Wäre das AudiMax geräumt worden & wäre der C1 nicht daraufhin leer geblieben, wenn alle daheim gewesen wären? Tausende waren nicht da, ok, aber es haben dennoch Aktionen stattgefunden & die operativen AGs haben weiterhin agiert.
Weiters suggeriert sie mit dem Vorwurf, dass die Proteste anders ausgegangen wären, wenn die Besetzung länger stattgefunden hätte. Medienanalysen deuten nicht darauf hin & sie hat die Medienstimmen auch gestern bei “contra” quasi bestätigt.
ad 4)
Wer hat die Unimisere in den letzten Jahrzehnten besser thematisiert? Das als Benchmark genommen schneidet die ÖH nicht gerade rosig ab. Die Vereinnahmung des Protestes wird immer negativ erwähnt, warum soll das jetzt plötzlich anders sein? Die ÖH ist kein politisch geschlossenes Bündel…
Die Errungenschaften nach ’68 (Studiengebühren abschaffen, Studienkommission,…) alleine auf die Proteste zurückzuführen & dabei die verantwortlichen politischen Instanzen zu vergessen, klingt für mich auch nicht ganz stimmig.
Ich werfe Rohrer schlicht vor, die Proteste nicht ausgiebig mitverfolgt zu haben & die politisch denkende Jugend zu unterschätzen. Meine Meinung darüber ist allerdings genauso subjektiv wie ihre es ist. Ob, die derzeitigen Populisten mit zugeschanzten Jobs (ÖAAB usw…) aber nicht eher durch eine andere Generation zustande gekommen sind, als die unsrige die aus dieser Scheiße jetzt mal herausrudern muss?
Sorry, aber ich halte das alles für einen Eiertanz. In der Tat blendet Rohrer in ihrer Kritik die Grundsituation aus, in der sich ein guter Teil der Jungen befindet, die sich auflehnen sollen.
Es klingt einfach und entschuldigend, aber Österreich hat keine oder kaum Tradition, was Protestbewegungen mit solchen ideologischen (und das ist die Bildungsdebatte!) Anliegen angeht. Es ist Tradition, auf die Straße nicht zu hören – das hat vielfältige und vor allem historische Gründe. Hainburg, Arnea Besetzung, Dinge, mit denen unibrennt andauernd von typischen Alt 68igern verglichen wurde, hatten konkrete, partikulare, lokale Interessen. Oft ist mir in solchen Gesprächen klar geworden: Diese Generation versteht #unibrennt einfach nicht. Schon alleine der Vorwurf, dass sich die “Betonfraktion” durchgesetzt hätte, und wieso wir nicht endlich mit den Verantwortlichen in der Politik reden, weils ja “damals in der Arena auch so war”, zeugt vom Unvermögen, die Bewegung in ihrer Methodik, ihrer Struktur und der dahinterstehenden Motivation einschätzen zu können. Klar, es gibt auch jede Menge Gegenbeispiele. Ähnlich gehts mir aber mit der Meinung von Rohrer. Ihr Tenor ist in dieser Schicht weit verbreitet: Steht auf, aber seid trotzdem diszipilniert, lasst euch von uns alten Hasen sagen, wie sowas geht. Macht es so und so. Unangepasstheit wird genau so wie Leistung und Erfolg erwartet und verlangt. Wo waren denn die “alten Hasen”, als das Mauern der Politik zur Zermürbung der Studis führte, als es notwendig war, zu mobiliseren, den Druck aufrecht zu erhlaten und auszubauen? Man hätte die Hilfe der Rohrers, Hellers und wie sie alle heißen sehr gut brauchen können.
Marlene legt gut dar, wies um die demokratische Kultur hierzulande beschaffen ist: Wenn wer aufmuckt, sitzen wir das aus, und von einem Häufchen wütender StudentInnen lassen wir uns nicht beeindrucken. Hier prallt(e) eine halbe Generation von unzufriedenen Studis, die sehr wohl auch gesamtgesllschaftliche poltische Haltungen und Positionen angenommen wie auch notwendiger Weise Zusammenhänge erkannt haben, auf eine postdemokratische politische Landschaft.
Man muss sich zuerst die Frage stellen, was man denn als “Erfolg für #unibrennt” definiert, sich vorstellt. Spontane Aktionen und folgende Bewegungen wie diese entstehen ja selten mit einem fixen Zielvorsatz, sondern sind von spontaner Wut getragen. Es ist passiert weil es einfach gereicht hat – ein erster Höhepunkt studentischen Protest, entstanden durch lange aufgestaute Frustration – eben nicht nur was Studienbedingungen angeht. Ich bin mir sicher: da spielen jede Menge andere Faktoren hinein, Zukunfstaussichten, Arbeits- und Lebensbedingungen, Demokratie- und Wirtschaftskritik.
Als Ziel ein Erzwingen einer fundamentalen Kursänderung in der Bildungspolitik anzuführen – dafür sind und waren wir zu wenige, dazu, auch das ist ganz richtig bemerkt worden, fehlte schlicht und einfach auch die zeitliche und finanzielle Kapazität. Wir alle stehen unter recht starkem zeitlichen und ökonomischen Druck.
Es ist klar dass man im Nachhinein, wenn sich schon sonst politisch nichts verändert hat, die Tatsache dass eine Diskussion und mediale Öffentlichkeit etc. geschaffen wurden, als zentralen Erfolg darstellt. Ob das jetzt ein “Denkfehler” ist oder nicht, ist eine müßige Diskussion. Dieses Messen eines längst fälligen und logischen Aufstands an solchen “Zielvorgaben” halte ich für eine recht typische Unsitte unserer Zeit. “Rate your Protestbewegung – was hats gebracht?”
Ansonsten kann ich mich in Teilen Toms und Marlenes Meinungen anschließen, was #unibrennt angeht. Und ich bin nach wie vor stolz dass ich mit so vielen klugen und engagierten Leuten aufgesatanden bin. Ich würds auch sofort wieder tun. In einem Satz: was es gebracht hat, ist die eine Sache, viel wichtiger ist, dass es passiert ist.
@Sebastian
“Was Sie eigentlich sagen ist, dass die Bewegung erreicht hat, was sie erreicht hat und daraus leiten Sie Erfolg her.”
Woraus denn sonst? Ich seh schon die potentielle Möglichkeit, dass die Bewegung auch eine Politikänderung erreichen hätten können, nur ist das im Endeffekt die Aufgabe der Politik – und die hat sich einfach stur nicht bewegt sondern totgestellt.
“frage ich mich dennoch inwiefern der, so nennen es bloß Sie, “Vorwurf”, die Studenten und Studentinnen wären nach Hause gegangen, absurd ist. War es nicht so?”
Dass es ein Vorwurf ist, ist absurd.
“Dennoch ist Frau Rohrer hier durchaus mit ihrer Ansicht, dass die Angst vor Konsequenzen, welcher Art auch immer, deutliche Zeichen für den Wunsches auf Veränderungen blockiert, kongruent.”
Das mag für manche gelten, war aber für mich kein die Leute bei #unibrennt prägendes Verhaltensmuster. Die Leute sind heimgegangen, weil die Politik ihnen auf den Kopf geschissen hat und die Besetzung sinnlos geworden ist. Dinge die damals aus dem Protest heraus entstanden sind, gibt es übrigens noch heute – etwa die Studierendenzeitung übermorgen. Da wird weiter gearbeitet. Andere Gruppen haben sich um anderes gekümmert – den Protest etwa zur Ars Electronica vergangenes Jahr getragen. Der breite Protest flammte auch bei “Bologna Burns” im Frühjahr 2010 wieder auf – und die Netzwerke wurden bei den Familienbeihilfekürzungen im Herbst 2010 auch wieder aktiviert und haben durchaus beachtlich mobilisiert. Ich würde zum Beispiel dieses Blog und Supertaalk – ebenso wie in Teilen mein zurPolitik.com – als Ergebnis dieser Proteste sehen.
Ja. Nach 2 Monaten wurde die Besetzung mit einer polizeilichen Räumung vor Weihnachten beendet, als die Sache auch schon merkbar an Schwung verloren hat. Weil es extrem anstrengend war – ich zum Beispiel hab in der Zeit gearbeitet, studiert, protestiert und dann innerhalb der Bewegung auch noch gearbeitet. Es ist einfach billig und verhöhnend, das alles wegzuwischen, zu behaupten, die Leute wären heimgegangen und hätten nicht weitergemacht, weil sie Angst vor Karriereeinbußen hatten.
Die jungen Menschen und Studierenden sind damals aufgestanden, sie haben über Monate hinweg ein ungewöhnliches und deutliches Zeichen gesetzt und versucht etwas zu erreichen. Gescheitert ist man an der Ignoranz der Alten und der Verweigerung des politischen Systems. Sie haben versucht andere zum Mitmachen zu bewegen, deshalb mit Gewerkschaften und Vereinen gesprochen, auch breite Gesellschaftsthemen aufgegriffen. Frau Rohrer hat nicht mitgemacht und akzeptiert bis heute noch nichtmal die Leistung, die das damals dargestellt hat.
“Brilliant, nachdem Sie gerade noch das Ende der Bewegung auf den nicht unmaßgeblichen Zeit- und Energieaufwand zurückgeführt haben, ist jetzt die Herausbildung von “Verantwortungsstrukturen ” der Grund.”
Darüber habe ich mir viele und lange Gedanken gemacht, ich hab nicht vor jetzt hier alle zu teilen. Aber warum sollten nicht beide Faktoren wahr sein? Es war anstrengend und aufwändig, diesen Protest zu führen. Und die Verantwortungsdynamik hat sich im Laufe der Monate auch verändert.
“Es freut mich natürlich, dass so viele Menschen basisdemokratische Strukturen begrüßen, möchte aber zu bedenken geben, dass es durchaus möglich wäre, dass, ein bloßer Ausdruck meiner unmaßgeblicher Meinung, manche auch wegen des Kernthemas der Protestbewegung anwesend waren.”
War ich. Aber abgesehen davon, wie spannend ich auch die Basisdemokratie fand, ist das nicht einfach nur eine Organisationsform. Basisdemokratie hat eben eine andere Verantwortungsdynamik als ein kommitteegeleiteter Protest und das wirkt sich auch auf die Motivation und das Verhalten aus. Auch das ist jetzt aber ein zu umfangreiches Thema.
“Ich fasse zusammen: Die Protestbewegung war nicht imstande organisiert vorzugehen und trotzdem besser als die ÖH. Großartig”
Tschuldige, aber das eine ist eine blödsinnige Behauptung (Der Protest ist organisiert vorgegangen) und das andere ein simpler Fakt (die ÖH konnte so eine Protestwirkung niemals erzielen).
“Selbstverständlich sind die Erfolge der damaligen Aktivisten und Aktivistinnen erfreulich, aber diese Erfolge von Leistung auf Netzwerke, in einem verzweifelten Versuch eine negative Aussage über unibrennt zu widerlegen, zu verlagern, ist keine besonders charmante Vorgehensweise.”
Ich sprach in diesem Zusammenhang von der Bildung der Netzwerke als Auswirkung. Auch das ist Fakt. Ich weiß nicht, was daran uncharmant sein soll.
Über unibrennt gibt es viel zu sagen, auch kritisches. Aber es gibt keinen Grund diesen Protest zu bagetellisieren und die tausenden Leute die ihn getragen haben als egoistische Karrieremenschen zu verunglimpfen. Das ist ein Vowurf, den man eher an Leute die den Arsch nicht hochkriegen richten sollte, als an jene, die nach Monaten der entmutigenden Ignoranz irgendwann fürs erste aufgeben.
Als “Ergebnis” der Prosteste würde ich unser kleines Magazin nun nicht einstufen. Unbestritten ist aber dass wir uns dort gefunden, vernetz und auch gemeinsam politisiert haben, im weitesten Wortsinne. Für Supertaalk.at gilt ähnliches, wobei wir die Sendung immer weiter zu einem eigenständigen, unabhängigem journalistischen Startup zu entwickeln versuchen.