Rohrers Traum

“Ende des Gehorsams” fordert Journalistin Anneliese Rohrer, 67, in ihrem gleichnamigen Buch und appelliert an ihre LeserInnen, mehr für ihre demokratischen Rechte aufzustehen. Ende August begleitete ich Dieter Zirnig von neuwal.com zum Interview mit der Autorin. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen neben ihrem aktuellen Buch vor allem die (fehlende?) Bereitschaft junger Menschen, politisch und gesellschaftskritisch aktiv zu sein.

“Österreichs unter 30-Jährige leben wie in einer Blase”, so Rohrer Anfang Juli in der Presse, “nicht einmal der studentische Aufschrei ‘Uni brennt’ des Jahres 2009″ hätte etwas gebracht. Zugegeben, Rohrer hat mit dieser Aussage im Großen und Ganzen recht, “Uni brennt” ist – zumindest wenn man einen Blick auf die derzeitige Lage an Österreichs Universitäten wirft – gescheitert. Statt zu den geforderten Verbesserungen scheint die Situation an den Hochschulen noch schlimmer geworden zu sein.

Allerdings ist es meiner Meinung nach gerade wegen Aktionen wie “Uni brennt” falsch, zu behaupten, junge Menschen in Österreich seien zu brav und würden sich nicht für ihre Rechte als BürgerInnen in einer Demokratie beziehungsweise Besserungen ihrer Situationen einsetzen. Interessant hierbei ist, dass Rohrer in “Ende des Gehorsams” mit keinem Wort “Uni brennt” erwähnt.

“Uni brennt” – ein ungünstiger Zeitpunkt?
Dennoch, oder gerade deswegen, sprachen wir mit Rohrer über das Wirken und Nicht-Wirken von “Uni brennt”, die derzeitige Situation an Österreichs Hochschulen sowie die (mögliche) Zukunft der Universitäten und auch darüber, was junge Menschen tun sollten, um diese Situation zu ändern. “Uni brennt” sei, so Rohrer im Gespräch mit Dieter Zirnig und mir, eine sehr lobenswerte Aktion gewesen, aber eben gescheitert. Es sei auch klar gewesen, von Anfang an, dass dies der Fall sein würde: denn Weihnachten stand vor der Tür, die Studierenden würden nachhause gehen und die Politik das Thema so lange totschweigen, bis es von alleine ausläuft.

Das ist bei „Uni brennt“ bestimmt der Fall gewesen – allerdings sehe ich persönlich den Zeitpunkt des Beginns der “Uni brennt”-Bewegung nicht als ungünstig per se. Zum einen, weil “Uni brennt” nicht geplant wurde, sondern aus den herrschenden Problematiken an den Hochschulen entstanden ist und wohl keineR zu Beginn dachte, dass diese Protestaktion so viel Zuspruch und vor allem Unterstützung erlangen würde.

Zweitens widerspricht sich Rohrer in ihrer Aussage bezüglich des falschen Zeitpunkts von “Uni brennt” selbst; so meinte die Journalistin, dass wegen der anstehenden Weihnachtsferien (für Studierende und PolitikerInnen) dieser ungünstig gewesen sei. Bis dahin waren es allerdings zwei Monate – und in diesen Monaten hat es seitens der Politik keine wirklichen Reaktionen auf den größten Studierendenprotest in Österreich seit Jahrzehnten gegeben. Wobei wir beim zweiten Punkt Rohrers wären, dem Totlaufen lassen von unangenehmen Themen seitens der Politik. Nehmen wir an, “Uni brennt” hätte erst Anfang 2010 begonnen, das Audimax der Universität Wien sowie weitere Hörsäle an Österreichs Universitäten wären erst nach den Weihnachtsferien besetzt worden. Das Thema wäre auch drei Monate nach der eigentlichen Besetzung unangenehm für die Politik gewesen und gewiss auch Anfang 2010 totgeschwiegen geworden, genauso, wenn die Proteste erst im Frühjahr begonnen hätten und erst recht, wenn sie erst im Sommer gestartet wären. Denn: die Sommerferien standen hier vor der Tür – und das heißt nicht nur, dass die Studierenden drei Monate keine Lehrveranstaltungen hätten, sondern auch, dass sich die heimische Politik für längere Zeit aus dem Parlament verabschiedet.

Der Zeitpunkt für “Uni brennt” war meiner Meinung richtig gewählt – wenn man nun hier überhaupt von “wählen” sprechen kann. Denn die Politik-Riege hätte auch an einem anderen Zeitpunkt wahrscheinlich nicht anders reagiert beziehungsweise nicht anders nicht reagiert.

Katastrophale Situation – damals wie heute
“Uni brennt” passierte 2009 – knapp zwei Jahre später ist die Situation um keinen Deut besser, ganz im Gegenteil, die Problematiken an Österreichs Universitäten haben sich zudem verschärft. Die geforderten finanziellen Mittel seitens der Studierenden und auch der designierten Rektoren blieben aus, Lehrveranstaltungen sind nach wie vor überfüllt, das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden katastrophal und es wird sogar in Erwägung gezogen, einzelne Studiengänge zu schließen, sollte das Budget für das Hochschulwesen nicht erhöht werden. Das Voranmeldesystem der Universität Wien ist – wie schon von vielen Seiten bei Beschluss im Jänner 2011 befürchtet beziehungsweise erwartet – gescheitert, statt einer Verbesserung wurde sehr viel Geld für nichts und wieder nichts hinausgepulvert.

Die Liste an Problematiken an Österreichs Universitäten lässt sich noch weiter verlängern – Fakt ist, dass die Situation an den heimischen Hochschulen äußerst bedenklich ist. Diejenigen, die dies wohl am meisten zu spüren bekommen, sind die Studierenden. Gründe sind demnach genug da, dass es im Herbst wieder heiß werden kann oder gar “Uni brennt” neu aufflammen wird.

“Uni brennt” reloaded?
Ein “Ende des Gehorsams” an Österreichs Hochschulen wäre äußerst wünschenswert, so Rohrer, sie hoffe sehr darauf, dass es zu erneuten Protesten kommt, sie halte es für ein “Verbrechen an der Jugend”, was im Hochschulsektor passiert. Dass man aus dem gescheiterten “Uni brennt” lernen sollte und die Proteste anders angehen sollte, damit es zu Erfolgen kommen kann, ist für Rohrer ein Muss. So ist es für die Journalistin wichtig, dass alles organisierter und zielgerichtet ablaufen müsste – egal ob es zu erneuten Besetzungen, Demonstrationen oder anderen Aktionen kommen sollte. Von der basisdemokratischen Organisation der “Uni brennt”-Bewegung im Jahr 2009 halte sie nichts, da müsse man ja Jahre warten, bis endlich etwas passiert – die Studierenden müssten hier erwachsen werden, eine funktionierende Basisdemokratie sei eine Illusion für die 67-Jährige.

Zugegeben, die basisdemokratische Organisation bei “Uni brennt” hat ihre Problematiken mit sich gezogen: kleinere Diskussionspunkte wurden ewig in die Länge gezogen, jedeR konnte seine/ihre Anliegen einbringen, die schließlich gerne mit dem eigentlichen Thema gar nichts mehr zu tun hatten und die Abstimmungen im Plenum konnten zum nervenaufreibenden Erlebnis werden, weil aus einer Mücke gerne ein Elefant gemacht wurde. Basisdemokratie braucht vor allem eins: Zeit; jene Zeit, die vielleicht anders oder besser genützt werden könnte.

Dennoch hat eine Basisdemokratie einen wesentlichen Vorteil gegenüber andere Organisationsformen, an denen nur eineR oder einige wenige Menschen an der Spitze stehen: als “Kollektiv” war jedeR für alles verantwortlich und jedeR für nichts verantwortlich. So konnte im Fall von “Uni brennt” keine einzelne Person zur Verantwortung gezogen werden, setzte sich nicht der Gefahr rechtlicher Probleme o. ä. aus. Ein Protest mit klar definierten OrganisatorInnen mag vielleicht tatsächlich strukturierter sein, allerdings setzen sich diese Personen leichter Gefahren aus und auch die Möglichkeit eines Machtmissbrauchs ist größer. Außerdem stellt sich die Frage, wer sich an die Spitze stellen möchte – denn nicht nur rechtlich gesehen begeben sich jene Personen möglicherweise in Gefahr; auch ihre eigene Zukunft, Karriere und Reputation kann dadurch gefährdet sein.

Rohrers Traum
Jene Angst, sich selbst einen Karriereknick zu verpassen, sieht Anneliese Rohrer als eine der größten Hürden, warum (junge) Menschen zu wenig aufmucken und stattdessen eher runterschlucken. Allerdings liege diese Einstellung, sich selbst schaden zu können, nicht (nur) an der Generation unter 30, sondern sei vor allem auch eine Erziehungsfrage. Denn: Wer wird beispielsweise in der Schule schon dafür gelobt, dass er/sie sich auflehnt? Und auch von Seiten der Eltern wird gerne wiedergegeben, man solle sich ja nicht zu weit hinauslehnen, denn das könne einem irgendwann mal schaden.

Doch wie soll nun dieser Angst entgegengewirkt werden? Wie soll man der Masse klar machen, dass sie für ihre Rechte, eine bessere Bildung, eine bessere Zukunft kämpfen sollen? Auf keinen Fall, so Rohrer in “Ende des Gehorsams”, dürfen junge Menschen “darauf warten, bis ihre Zukunftsangst stärker ist als ihre Angst vor den Nachteilen ihres Aufbegehrens.” Denn, “wenn ich mich als Student schon vor lauter Angst verbiege und denke, das könnte mir irgendwo schaden, dann werde ich auch als Erwachsener nicht besonders aufrecht durch die Gesellschaft gehen.” Es sei also höchste Zeit, aufzumucken. Höchste Zeit, aufzuhören, zu gehorchen. Höchste Zeit, sich zu wehren. Und wie? “Mein Traum”, so Rohrer, “wäre ja irgendein ‘Uni brennt’ unter Elternbeteiligung.”