Wutdüringer – Fluch oder Segen?

Wir leben in Zeiten großer Spannung. Das drückt sich beispielsweise darin aus, dass kaum jemand ernsthaft widerspricht, wenn unsere Gesellschaft als tief gespalten beschrieben wird: Das Wort von den 99% die den 1% gegenüberstehen wird in seiner Radikalität kaum angegriffen. Tatsächlich lässt es sich einerseits statistisch (Stichwort Vermögensverteilung) und zunehmend durch persönliche Erfahrung glaubhaft untermauern. Vor allem letztere bringt es aber mit sich, dass ich mich in einer Zwickmühle befinde: Einerseits finde ich mich auf Grund persönlicher Lebensumstände eher in den 99% wieder, andererseits ist doch die Masse gefühlt schlechter dran. Einerseits wird immer deutlicher, dass es massive systemische Probleme gibt. Andererseits habe ich bisher durchaus von diesem System pofitiert. Daher wäre mein erster Impuls, das System einfach zu reparieren. Zu meiner großen Enttäuschung muss ich aber feststellen, dass die dazu berufenen politischen VertreterInnen anscheinend nicht in der Lage sind, diese Korrekturen mit der notwendigen Radikalität (as in: an die Wurzel gehend) durchzuführen.

Als braver Demokrat fühle ich daher, dass es jetzt an mir läge, Veränderungen herbeizuführen; tatsächlich wird mir allerortens dieser Versuch etwa durch die Occupy-Bewegungen vorgelebt. Deren emotionalen Antrieb kann ich nachvollziehen, ich selbst empfinde mich jedoch durchaus nicht in solch einer ausweglosen Lage, dass ich auf die Straße gehen müsste. Ich glaube zunehmend zwar, dass “es so” nicht mehr weitergeht, bin aber doch nicht persönlich betroffen genug. Das bringt mich in die blöde Situation, dass ich mir für die Gesellschaft wünschen müsste, dass es uns doch allen endlich schlecht genug gehen möge, um zum notwendigen gemeinsamen Moment des Widerstands zu finden, ich mir das für mein Leben (und das meiner Mitmenschen) aber gerade nicht wünsche.

Das ist eine paradoxe Situation, die Roland Düringer im letzten Donnerstalk in ihrer Ambivalenz treffend darstellt. Hatte sich der Herr Karl noch eine goldene Zukunft im Kreise der 1% qua Opportunismus versprochen, muss sich sein von Düringer verkörperter Wutbürger-Enkel widerwillig eingestehen, dass sich diese Hoffnung nur für einige wenige erfüllt hat. Er, der dank Großvater im Glauben aufgewachsen ist, zu den 1% zu gehören, muss feststellen, dass er halt doch eher bei den 99% anzusiedeln ist. Klar, dass seine revolutionäre Pose ein Geschmäckle hat; wer wäre denn nicht eigentlich lieber 1%?

An der Rezeption dieser Darstellung Düringers finde ich zweierlei verwunderlich: Erstens die Konzentration auf die Person Düringers, zweitens der Rückgriff auf das altbekannte Fluch/Segen Schema.

Viele wollen Düringers Satire anscheinend als politischen Weckruf verstehen, nach dem Motto: endlich sagt’s einmal jemand. Dabei lassen sie aber unter den Tisch fallen, dass seine satirische Darstellung so eine eindeutige Lesart nicht hergibt. Hier wird der Künstler mit seinem Werk verwechselt: Ob sich Düringers persönliche politische Meinung in seiner Performance auf der Bühne findet, ist unerheblich. Das ist nur dann relevant, wenn man Interesse daran hat, Bewunderung für die Person Düringers loszuwerden. Erstaunlicherweise hakt aber auch die Kritik dieser Haltung bei genau diesem Punkt ein: Düringer sei eben nicht zu bewundern, weil selbst nur ein Rädchen im System und überhaupt handle es sich nur um eine Inszenierung, von der das Format Donnerstalk profitiere. Düringer sei einfach nicht glaubwürdig.

Beide Sichtweisen halte ich für verfehlt: diskutiert wird hier, wie Düringer als Person zu beurteilen ist und nicht sein Werk, das – nona – klar erkennbar eine Inszenierung ist. In meinen Augen liegt der Wert der Satire darin, dass sie Widersprüchlichkeit sichtbar macht ohne Lösungsansätze zu präsentieren. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu politischem Aktivismus. Die eingangs erwähnte Spannung wird offen gelegt, damit gibt es einen Ansatzpunkt für Selbstreflexion: Finde ich mich darin wieder? Was sagt das über unsere Gesellschaft und mein Leben in ihr? Das setzt aber voraus, dass man Ambivalenz erträgt, und sie nicht reflexartig aufzulösen versucht, indem man dem Kabarettisten ein Gut/Böse-Taferl umhängt.

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Foto: panacheart