Solidarité avec „FC sans papiers“

Wie kann ein Mensch „illegal“ sein?

Wien, Donnerstag, 29. April, später Nachmittag. Wieder ist es der Kurzmessage-Dienst „twitter“, über den ich erfahre, was an der Kreuzung Alser Straße/Gürtel vor sich geht.

Mehrere Mitglieder des Fußballvereins „FC sans papiers“ („FC Ausweislos“, ein Verein dessen Team zur Gänze aus Asylsuchenden besteht) waren zuvor während des Trainings verhaftet worden, da sie keine in Österreich gültige Aufenthaltsgenehmigung besitzen. Ihre Asylbescheide waren in letzter Instanz negativ, zwei junge afrikanische Flüchtlinge wurden deshalb in Schubhaft genommen. Die „Illegalen“ sollten im Laufe des Abends in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden.

Spontan wurde deshalb am Nachmittag in Wien eine (unangemeldete) Kundgebung für die inhaftierten organisiert. Der Bus, in dem die jungen Asylsuchenden ins Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände verbracht werden sollten, wurde von AktivistInnen und DemonstrantInnen schließlich am Gürtel/Alser Straße gestoppt, umzingelt und per Sitzblockade am Abtransport gehindert. Ca. 250 Menschen hatten sich rund um die Szene versammelt. Kurz vor 21:00h traf ich ebendort ein – die Polizei begann die Blockade gewaltsam aufzulösen.



Die Situation eskalierte binnen kürzester Zeit. Wie im letzten Video zu sehen ist, ging die Polizei mit großer Aggressivität gegen DemonstrantInnen und Umstehende vor. Wüste Beschimpfungen waren von den Beamten zu hören, Fotografen wurden an der Berichterstattung gehindert und etliche Personen tätlich angegriffen. Die BlockiererInnen wurden einzeln aus der Sitzblockade herausgerissen und weggetragen, teils gewaltsam über den Asphalt gezerrt. Die Menge skandierte „Kein Mensch ist illegal!“ und „Solidartité con FC sans papiers!“, bildete Menschenketten und hinderte die Polizei mehrmals erfolgreich am Abtransport von festgenommenen AktivistInnen. Inzwischen kam der gesamte Verkehr auf dem Gürtel, der Alser Straße und im gesamten umgebenden Bereich zum erliegen. Der Polizeibus mit den abzuschiebenden „Illegalen“ konnte noch immer nicht abrücken. Ziel war den Transport so lange aufzuhalten, bis der laut unbestätigten Angaben für ca. 23:00h geplante Abschiebungsflug nicht mehr erreichbar wäre.

Die folgenden Szenen konnte ich nicht dokumentieren, da der Akku meines Handys zu Ende ging. Jedenfalls setzte sich der bis dahin erfolgreich blockierte Bus ca. gegen 21:30h plötzlich in Bewegung, nachdem fast alle BlockiereInnen abgeführt worden waren. Die Demonstration bewegte sich um die Eisatzkräfte herum – diese versuchten vergeblich die Menschen durch Gewalteinsatz zu zerstreuen. Nun wurde die Alserstraße blockiert, der Bus versuchte über eine Quergasse weiterzukommen. Doch die DemonstrantInnen schafften es immer wieder die Abfahrtsmöglichkeiten zu blockieren.

Mehrmals wurde ich Zeuge von – meines Erachtens meist unnötiger – Polizeigewalt. Leute wurden zu Boden gerissen, an den Haaren gezogen, mit Knüppeln und Fäusten attackiert, beschimpft. Auch der Einsatz von Pfefferspray wurde von manchen Zeugen bestätigt. Insgesamt gab es 49 Festnahmen – der Großteil von ihnen wurde noch in der Nacht aus der Haft entlassen, einige Personen kamen am nächsten Morgen wieder frei. 3 Polizeibeamte wurden laut Pressedienst der Wiener Polizei verletzt.

Schließlich gelang es der Polizei, die Afrikaner blitzartig aus dem Bus in ein anderes Fahrzeug zu evakuieren – dieses „entkam“ der Blockade gegen 22:00h. Beim Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände setzte sich die Demonstration fort – sie wurde bereits von einem starken Polizeiaufgebot erwartet. Der zivilgesellschaftliche Widerstand wird stärker. Das ist nicht zu leugnen.

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