„Nur ein paar Irre…“

Die antisemitischen Reaktionen rund um den Sieg der jungen Deutschen Lena Meyer-Landsrut beim Eurovision Song Contest werden nun im medialen und öffentlichen Diskurs von den brutalen israelischen Aktionen gegen die internationale Hilfsflottille überdeckt. Nur ein paar Irre, die man nicht überbewerten soll, meinen viele.

Für mich ist es retrospektiv immer noch erstaunlich, dass ein überwältigender deutscher Sieg beim European Song Contest – nach 28 Jahren wiedermal, wohlgemerkt – derartiges auslösen kann. Israel gibt der Deutschen Lena 0 Punkte und vice versa. Minuten später schon ergehen sich Deutsche im Web 2.0 in drögen und ekelerregenden antisemitischen Ausfällen. „Und wir bauen den Juden ein Denkmal!“ ärgert sich einer der ersten Lena-Fans, die da einen Zusammenhang erkennen wollen. Er/Sie hat im „Satellite“-Überschwang wohl vergessen, dass Deutschlands „Nicole“ bei ihrem damaligen Sieg die volle Punkteanzahl aus Israel erhalten hatte.

Vor allem junge Männer mit türkischem Hintergrund posten auf FACEBOOK, twittern und bloggen dazu. Auch vielen Mädchen „gefällt das“. Selbst das online-Forum der renommierten deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ ist nicht vor einschlägigen Posts gefeit.

Fast wie gerufen kam da die Nachricht von den brutalen Angriffen der Israelis auf die internationale Gaza-Hilfsflottille, bei denen insgesamt 16 Aktivisten ums Leben kamen. Jetzt eskaliert die Situation im Web 2.0 erst richtig.

Wer vermutet, dies wäre ein besonders krasses nicht repräsentatives Beispiel, dem sei die Suchmaschine „Openbook“ ans Herz gelegt. Doch Vorsicht – für schwache Mägen ist das nichts.

Auch hier sind es vor allem junge Männer mit türkischem Hintergrund. Es scheint dass viele von ihnen ihren latent-aggressiven Antisemitismus mit erlittenen Gefühlen der Unterlegenheit, ja mit Minderwertigkeitskomplexen verbinden. Endlich ist ein Feindbild da – das eint, das gibt Kraft und Selbstbewusstsein zurück, das von der Mehrheitsgesellschaft und anderen Faktoren geraubt wurde.

„Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekentnisses (sic!) über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie eins vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. Mehr brauch ich nicht sagen oder ? Seite 67 Mein Kampf“ fleißig wird Adolf Hitler zitiert, auch Hinweise auf die „vernünftige Kooperationspolitik Hitlers mit den Arabern“ sind zu lesen.

Interessant: Die Türkei, unter deren Flagge auch Schiffe der Flottille unterwegs waren, pflegte bisher gute Beziehungen zu Israel und galt als wichtiger außenpoltischer Partner. Jetzt sieht es aus, als ob sich Premier Erdogan an der schlimmen Situation der Palästinenser profilieren möchte. In Österreich riefen (teils als nationalistisch eingestufte) türkische Kulturvereine zu Solidaritätskundgebungen auf – bis zu 6000 TeilnehmerInnen gingen am Samstag in Wien auf die Straße, um gegen Israels menschenverachtender Politik in Gaza zu demonstrieren.

Das Thema Israel polarisiert momentan wie kein anderes. Selbst in den intellektuell-kritischen Milieus ist es vielen nicht möglich, differenziert an die Sache heranzugehen. Da werden Ebenen vermischt, „die Juden“ en gros schnell mit israelischer Politik gleichgesetzt. Man wird förmlich gezwungen, eine pro oder contra Haltung einzunehmen. Die Emotionen kochen hoch und verhindern allseits eine sachliche Diskussion.

Vielfach ist der Tenor: Das sind doch nur ein paar Irre, denen sollte man nicht übertrieben viel Aufmerksamkeit schenken. Zumindest nicht mehr, als ihnen „zusteht“. Sofort kommt der Hinweis: In Israel würden die sich auch nichts schenken.

Wie viel Aufmerksamkeit verdient nun Antisemitismus in Österreich? Und wie viel Aufmerksamkeit verdient neonazistische Wiederbetätigung – welche Zusammenhänge auch immer zugrunde liegen?

Wer sich (auch als „gelernte/r ÖsterreicherIn“) mit den Themen Rechtsextremismus und Antisemitismus in aktuellen und historischen Dimensionen beschäftigt hat, bei der/dem sollten längst die Alarmglocken schrillen. Leider fehlt vielfach das Bewusstsein für und die Bildung zum in Europa fest verwurzelten, historisch gewachsenen und transformierten Phänomen Antisemitismus und den verschiedenen kulturellen antisemitischen Ressentiments.

Zum ersten Mal tritt die Gruppe der Menschen mit muslimischem Glauben, viele davon wie gesagt türkischstämmig, politisch und öffentlich in Erscheinung. Und das in so virulenter Art und Weise, dass sich vor allem rechte, zunehmend aber auch linke „antiimperalistische“ Antisemiten mit den DemonstrantInnen solidarisieren. Unter dem neuen gemeinsamen Feindbild „Israel“ finden sich Koalitionen, die auf den ersten Blick grotesk anmuten, bei näherer Betrachtung aber wird klar: Antisemitismus ist längst nicht mehr Munition ausschließlich für Rechtsextreme und Neonazis.

Das kleinzureden, zu unterschätzen, den Entwicklungen eine neue, ernstzunehmende Radikalisierung antisemitischer Grundhaltungen und Tendenzen abzusprechen, halte ich für gefährlich. Der deutsche Journalist @PBBMarx hat wohl Recht, wenn er schreibt, dass seit jeher immer der Überbringer schlechter Nachrichten „geköpft“ wird. Ganz so ist‘s auch in Österreich. Nicht der wird kritisiert, der den Dreck verursacht. Sondern der, der kommt und sagt: „hier stinkt’s!“

WernerReisinger on twitter

Photocredit: Johannesen – flickr.com